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Eine Leerstelle: Heimatverlust und Ermordung

Wer jüdische Friedhöfe besucht und sich die Grabstelen und Inschriften ansieht, dem fallen, auch wenn er / sie keine hebräischen Schriftzeichen lesen kann, die verschiedenen Formen, Größen und Gestaltungen der Steine auf. Hin und wieder stößt man dann auf Grabmale im Querformat, auf denen nur eine Seite – sei es in deutscher, hebräischer oder in beiden Sprachen – beschriftet ist. Man stutzt. Hier wird augenfällig, dass an dieser Stelle etwas fehlt, etwas nicht sein Ende so gefunden hat, wie es ursprünglich gedacht war.

Wenn man diesem Umstand nachgeht, kann aber meist das Phänomen der Leerstelle geklärt und der freie Platz imaginär mit Informationen gefüllt werden – so z.B. auf dem jüdischen Friedhof in Raesfeld (Kreis Borken).

rosa-elkan-stein
‚Am Pölleken‘ lässt sich seit 1860 ein 1840 m2 großes Grundstück finden, auf dem der jüngere Friedhof liegt, in dessen Erde die Raesfelder Jüdinnen und Juden für ewige Zeiten ihren Ruheplatz fanden. Der alte Friedhof ist als solcher seit dem ersten Weltkrieg nicht mehr erkennbar. Wenn der neue Begräbnisplatz auch 1938 nicht geschändet wurde, so folgte die Verwüstung durch SS zwei Jahre später. Die letzte Beerdigung fand dort 1942 statt: Sophia Lebenstein, geb. Elkan, Schwester des Herz Elkan wurde dort nach dem 10. Mai begraben.

Unter den elf erkennbaren Gräbern befindet sich auch das von Herz Elkans Gattin Rosa (1859-1925); zu Häupten steht ein Stein, auf dessen rechter Hälfte eine Inschrift zu lesen steht, die linke ist allerdings frei. Der Text unter dem Schild Davids lautet:

rosa-elkan

Rosa Elkan
geb. Lebenstein
geb. 28.5.1859
gest. 30.5.1925

Die Übersetzung lautet (Abk. sind in ‚einfache Anführungszeichen‘ gesetzt.):

‚Hier ist begraben‘
die teure und angesehene Frau,
Frau Reichel, Tochter des Nathan.
Gestorben am Tag 2 des Wochenfestes
7. Sivan 685 ‚gemäß der kleinen Zählung‘.
‚Ihre Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens‘

Rosa war die Tochter des Nathan Lebenstein und wurde in ihrem Umfeld auch Reichel gerufen. Sie starb während der Festtage von Schawuoth, dem Laubhüttenfest, im jüdischen Monat Sivan, der 1925 in den Mai / Juni fiel. „Gemäß der kleinen Zählung“ heißt, dass die Tausender beim Todesdatum weggelassen wurden; ansonsten hieße es hier: 5685. Da das Jahr 5000 in das Jahr 1240 u.Z. fällt, addieren wir zu 1240 die genannte Zahl 685 und erhalten so das Jahr 1925 nach gregorianischem Kalender. Die Inschrift endet, wie meist auf jüdischen Grabsteinen, mit der Segensformel, dass die Seele der Toten in das Bündel des Lebens aufgenommen werde. (Hier liegt in der Inschrift ein Schreibfehler vor; es muss תנצב“ה heißen.)

Nach ihrem Tod erwartete nach 1933 ihren Mann Herz eine tragische Geschichte, die er mit tausenden Jüdinnen und Juden im Deutschen Reich teilte. Auch in Raesfeld wurden Juden systematisch ausgegrenzt, verfolgt und schließlich deportiert und ermordet. Auf dem „Stolperstein“ vor dem Haus der Weseler Straße 12 liest man die kargen Daten:

Hier wohnte / Herz Elkan / Jg. 1859 / deportiert 1942 / ermordet 1944 in / Theresienstadt.

Gemäß Runderlass vom 1. Oktober 1941 wurde für Herz Elkan, Jette Elkan, Nathan Elkan, Emanuel Elkan, Emma Elkan, Bertha Rosenbaum (geb. van der Zyl), Nathan Rosenbaum und Bertha Rosenbaum die ‚Evakuierung‘ beschlossen. Am 27.07.1942 hatten sich die in Raesfeld (und im Bezirk) befindlichen Juden morgens um 9 Uhr in Borken zu melden. Raesfeld, wo seit dem 17. Jh. Juden lebten, war nun ‚judenfrei‘. Der Besitz (Möbel etc.) der Familie Elkan wurde im September öffentlich versteigert.

Herz Elkan wurde ins Lager Theresienstadt deportiert, wo er am 31.05.1944 verstarb – zumindest wurde das Sterbedatum auf diesen Tag gelegt.

Stolperstein_Herz_Elkan

„Stolperstein“ für Herz Elkan (By Gmbo 2013 (Own work) [CC0], via Wikimedia Commons)

So zeigt die freigebliebene Fläche des Grabsteins nicht nur die Lücke, die in die jüdische Gemeinde gewaltsam gerissen wurde. Hier sollte ein Mensch, der Gatte Rosa Elkans, neben ihr zur ewigen Ruhe gebettet werden; ein Riss geht – wie die Familiengeschichte und die Stolpersteine vor dem Haus der Weseler Straße 12 zeigen – durch die ganze Verwandtschaft. Die Leerstelle steht aber insbesondere für die nichtgelebten Tage des zu früh in Theresienstadt beendeten Lebens eines Menschen: Herz Elkan.

Walter Schiffer
(http://www.dialog-bb.de/)

 

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