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Gelebte Nachbarschaft in Werther

1839 eröffnete Heinrich Christoph Lütkemeier in Werther seine Schuhmacherwerkstatt. Die Stadt hatte damals rund 1900 Einwohner, davon 111 jüdischen Glaubens. Bis zu seinem Tod 1876 führte er ein sogenanntes Hauptbuch, in dem er seine Kunden auflistete und alle Geschäftsbelange vermerkte. Das Buch enthält neben ca. 230 Namen nichtjüdischer Kunden auch 15 jüdische Namen. Einträge zu den Familien Goldstein, Sachs, Elson, Meierson, Neustädter, Hirsch, Grewe, Goldschmidt, Meyerson, Lilienthal und Weinberg zeugen von intensiven Beziehungen zur jüdischen Kundschaft.

Lütkemeier akzeptierte – wie damals üblich – außer Bargeld von seinen jüdischen Kunden auch Gegenwerte wie eine Ziege, Heu, Stroh, Fleisch, Weißkohl, Kartoffeln, eine Taschenuhr oder Textilien.

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Auf der letzten Seite des Hauptbuchs findet sich ein geheimnisvoll anmutender Eintrag. Es handelt sich um zwei Anleitungen, wie man die „Rübelau“ als Heilmittel gegen Geschwulste und „Saft aus Schwarzbrot“ als Mittel gegen „schlimme Augen“ anwenden kann. Verfasst sind die Rezepte in jüdisch-deutscher Kurzschrift, die Heinrich Christoph Lütkemeier auch für weitere Notizen einsetzte. Erlernt hat er die Schrift möglicherweise von einem jüdischen Gesellen, der mit ihm gemeinsam in die Lehre ging, oder von seinen späteren jüdischen Mietern, dem Lehrer Baruch Alge Elson und dem Händler Salomon Lilienthal und ihren Familien. Bis 1912 war zudem die jüdische Schule in einem Raum des Hauses Lütkemeier untergebracht.

Paul Lütgemeyer, der Urenkel, hat den Kontakt zu den überlebenden jüdischen Bürgern Werthers gesucht und geholfen, deren Familiengeschichten zu entschlüsseln. Kurt Weinberg, der nach England emigrieren konnte, dankte ihm 1984: „Da meine Familie bereits seit dem 17. Jahrhundert in Werther sesshaft war, bedeutete es viel für mich, jemanden zu hören, für den die Vergangenheit wichtig ist und der das Leben der Juden in Werther kannte.“

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