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Aus der Ukraine nach Unna

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In der Landes-Aufnahmestelle Unna-Massen (2009)

Für uns war Deutschland nicht eine terra incognita sozusagen. Wir kamen also an, wir hatten eine Euphorie. Und bis jetzt werde ich nicht müde, mich angenehm überraschen zu lassen von dem, was ich hier sehe. Was das auch immer angehen mag. Sauberkeit, Ordnung… Aber was mich besonders bestürzte, war die erste Kirmes dort, in Unna-Massen. Und diese Kirmes war extra für uns veranstaltet. Nicht für uns Juden, sondern für alle, die dort wohnten. Es ging um Ausländer also, um Übersiedler, Deutsche aus der Wolgaregion, wir waren eine Gesamtmasse. Warum denke ich, dass sie extra für uns die Kirmes veranstaltet haben? Weil es in Unna-Massen keine einheimische Bevölkerung gab, überhaupt niemanden. Dort wohnten nur wir.

Und der Platz wurde ausgewählt neben uns, damit wir Angekommenen uns ein wenig aufrütteln könnten. Und stellen Sie sich vor also, alle diese Schaukeln, Karussells vor – wir hatten so was selbst in Kiev nicht gesehen! Wenn auch einst mal ein tschechischer Luna-Park kam, es war doch so eine Armseligkeit! Und hier, in einem armseligen Massen, lasst uns die Sache beim Namen nennen, in einem unscheinbaren Städtchen, kam etwas Derartiges, das wir nie gesehen haben im Leben! Ich glaube, so etwas gab es in Moskau nicht. Ich glaube, der Kulturpark namens Gorki, den es in Moskau gibt, hatte nicht ein Zehntel davon. Das war das Erste.

Zweitens, eine Fülle von Wettbewerben für Kinder: triffst du die Zielscheibe, triffst du nicht – es wird dir ein Geschenk gegeben. Diese Frauen da waren in der Regel Polinnen und Deutsche, die erledigten die Unterlagen in diesen Gebäuden. Und alle diese Beamtinnen kamen an einem Samstag, an ihrem arbeitsfreien Tag, die kamen in diesen Luna-Park, saßen und bemalten den Kindern die Schnauzen. Bliesen ihnen Luftballons auf. Ich glaube nicht, dass es zu ihren direkten Dienstaufgaben gehörte. Vielleicht kriegten sie Tage frei, aber sie kamen, um uns es gut zu machen. Das ist schwer ohne Tränen zu erinnern. Uns wurden noch Gutscheine gegeben für Bier und Würstchen, kostenlos gegeben, da sie verstanden, dass wir kein Geld hatten. Und so gehen wir mit den Kindern, schauen uns das alles an, und ich denke: „Warum in einem fremden Land? In der Ukraine, wo wir das Leben lang gelebt haben, und unsere Eltern ihr Leben gearbeitet haben, wo unsere Opas und Omas erschossen wurden – dort braucht man uns nicht. Und wir kamen hierher, in das Land unserer Feinde, die mit uns kämpften, uns wird kostenlos Valuta gegeben, für die man dort sein Leben hinlegen musste.

Bei all meinem Patriotismus halte ich unseren Umzug hierher für meinen zweiten Geburtstag. Denn die Ukraine, Sowjetunion und alle anderen Länder der ehemaligen GUS halte ich für nicht geeignet für ein Normalmenschenleben. Diese Gesellschaftsordnung, dieses System, alles was dort vorging. Zwar saß ich weder im Lager noch sonstwo, und wurde erst nach dem Krieg geboren. Und meine Eltern waren gut situiert nach damaligen Verhältnissen, wir litten also nicht Not. Aber selbst wir lebten so, dass es ganz klar zu erkennen war, dass ein normaler Mensch so nicht leben kann. Und darum ging ich von Herzen gern von dort weg. Und habe Mitleid mit denen, die dort geblieben sind.

Serhiy H. (aus einem Interview im April 2009)

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